Marokko 2015 Motorradrallye

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Dienstag, 9. August 2011

Der kasakhische Tribut

So, 31.07.


Heute wollten wir den halben Weg nach Almaty schaffen. Dazu hätten wir etwa 650 km fahren müssen. Was wir jedoch nicht eingeplant hatten, waren die superschlechten Strassen und die wenigen Tankstellen. Überhaupt ist die Infrasrtuktur in Kasakhstan um einiges der russischen hinterher. Der Tourist kommt hier nicht vor. Es gibt selbst an grossen Überlandstrassen kaum Restaurants, Sprit gibt’s selten, ich habe mein Motorrad gerade in Benzin gebadet, weil der Schlauch vom Zapfhahn abgerissen ist… Und zu guterletzt habe ich mit noch den linken vorderen Stossdämpfer aufgeraucht. Der Simmering ist hinüber, das Öl tropft auf die Bremsscheibe und verhindert eine korrekte Verzögerung. Muss alles in Almaty repariert werden, sonst geht die Fahrt nicht weiter.



Landschaftlich ist die kasakhische Steppe langweilig. Alles ist zweidimensional, es gibt keine Highlights, die zum Verweilen einladen. Einzig der Geldautomat, den wir so dringend benötigt hatten, ist noch eine Erwähnung wert…


Heute eiere ich also weiter Richtung Almaty. Ich hoffe wirklich, dass meine Maschine durchhält.

Das ging gerade nochmal gut

Sa, 30.07.


Morgens nach einem Frühstück, was die Russen wohl opulent nennen, ging’s auf die Strecke. Ziel Nummer 1: kein Strafmandat kassieren von den überaus zahlreichen Polizeikontrollen. Ziel Nummer 2: nicht auffallen und nach der Versicherung gefragt werden und Ziel Nummer 3: Einreise nach Kasakhstan. Hört sich machbar an…


Ziel Nummer 1 haben wir erreicht, weil ich als Vorausfahrender mich auch nun wirklich sklavisch an Überholverbotsschilder und Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten habe und mir manch entgegenkommender Fahrer netterweise zugeblinkt hat, dass da hinten die Cops lauern…


Ziel Nummer 2 haben wir ebenfalls erreicht, weil sich ausserhalb eines kurzen Bereichs in Grenznaehe keiner mehr für die Versicherung zu interessieren scheint. Ob das wohl auch damit zusammenhängt, dass sie im Notfall einfach wirkungslos ist…?

Ziel Nummer 3 haben wir zunächst nicht erreicht. Paul und Siggi hatten schon aus Russland ausgecheckt und als ich an der Reihe war, stellte die Beamtin fest, dass mein Visum erst am darauffolgenden Tag seine Gültigkeit erhält. Na toll, Pauls. Ich wollte aber nicht vor der Grenze übernachten und habe die russische Grenzmannschaft dazu gebracht, uns um Punkt Mitternacht durchzulassen, den dann war ja offiziell der 31.07. 


Um Mitternacht kam dann der ansonsten sehr nette, englisch sprechende Chef der Grenzer und hat mir noch eröffnet, dass in Kasakhstan eine Stunde früher sei und wir noch eine Stunde warten müssten. Ich habe dann gesagt, wenn wir mit der Abfertigung in Russland fertig wären, werde es dann schon Mitternacht sein. Also ging der Schlagbaum auf und wir waren um Viertel vor Mitternacht an der kasakhischen Abfertigung. 

Njet. Keine Einreise, erst in 15 Minuten. Warum so kleinlich? Weil der Computer die Daten für ein anderes Datum nicht erfassen kann… Da haben wir also nochhmal einige Minuten gewartet, sind dann in Null komma nix eingereist und waren 10 Minuten später in unseren Zelten abseits der Strasse verschwunden. Ging gerade nochmal gut…


Altai rauf und runter

Fr, 29.07.


Der Plan war, über eine Scenic Route durch das Altai-Gebirge nach Kasakhstan einzureisen. Das war der Plan.


Schnell war der Abzweig aus dem verregneten Hochgebirge gefunden, der uns über Nebenstrassen zu einem vermeintlich weniger, weil kleineren, Grenzübergang führen sollte. An der Gabelung gab es eine Tankstelle, bei der wir nochmal alles vollgemacht haben, was an Tankraum zur Verfügung stand. Schräg gegenüber gab’s ein erstaunlich gut bestücktes Restaurant. Die Alte hinter dem Tresen war eine typische Sowjetzicke, grummelig und finster dreinblickend, und jeden Gast mit ihrem Blick rauswerfen wollend. Aber ich habe sie mit meinem Bilderbuch und einem überlautem “Druschba” wenigstens zum Lächeln gebracht, was ich eindeutig als Sieg über den Sowjetkommunismus verbuchen möchte.


Vollgetankt und gestärkt sind wir dann ins Seitental aufgebrochen. Nach 100 km sind wir in eine Art Duty Free Stadt gekommen, muss man sich ähnlich vorstellen, wie Andorra etwa, wo Leute aus dem benachbarten Kasakhstan offensichtlich zum Shoppen hinfahren. Und eingeholte Erkundigungen bestätigten: da links geht’s in die ehemalige Teilrepublik. Erst sind wir jedoch eine Piste gefahren, von der wir hofften, dass sie eine grosse Abkürzung sein würde zu der Hauptstrasse. Das sind wir dann aber umgekehrt, weil zumindest das Navi irgendwo einen Fluss und eine Fähre ausgemacht haben will, und das war uns ein wenig zu experimentell…


Also haben wir eine andere Strasse genommen, die kurze Zeit später ebenfalls off road wurde und sind an diesen Grenzübergang gelangt. Viele Autos in beide Richtungen haben den auch regen Grenzverkehr versprochen.


Am Check Point teilte man uns jedoch mit, dass dieser Grenzübergang für Touristen gesperrt sei und man nur mit einer zu erteilenden Genehmigung, die 60 Tage vorher eingeholt werden muss, überhaupt in das Grenzgebiet fahren darf und ob wir den die tatsächlich zahlreichen Schilder nicht gelesen hätten…
Wenn der Russe nicht will, dass da irgendwelche Fremden an der Grenze rumturnen, warum sind die Schilder dann nicht in englisch, sondern nur in unverständlichen russisch?

 
Also sind wir zurück zur Hauptstrasse gefahren, haben nochmal an derselben Tanke getankt und bei derselben Matrone gefuttert und sind dann auf der Hauptstrasse Richtung Barnaul weitergefahren. In meinem Hinterkopf lauerte immer noch das Versicherungsgespennst, das mich ja in erster Linie ermutigt hatte, die Nebenstrecke auszuprobieren…


Also noch ein paar Kilometer gemacht und auf einer Bergkuppe Sophia und Mario getroffen. Das Paar wollte  auf einer KTM in 5 Wochen in die Mongolei fahren. Mutig, mutig… die Pisten mit 2 auf einem Bock… würde ich mich nicht trauen.


Kurz darauf haben wir unsere Reisekasse einem ersten Stresstest unterworfen. Wir sind in ein Resort gegangen, haben für fast 200 Euro pro Person ein Zimmer genommen und ein Superdinner genossen. Paul sagte, die Dusche hätte gar nicht teuer genug sein können, willkommen war sie allemal. Und irre, wieviele teure Luxusgeländewagen da vor den Blockhütten standen…

Russland und sein Altai

Do, 28.07.



Früh aufgestanden, mich noch über das miese Internet von gestern geärgert, bin ich schon vor 10:oo h an der  Grenze gewesen. Die Abfertigung hat hüben wie drüber nur wenige Minuten gedauert. Bei der Gelegenheit sind mir Paul aus Bonn und Siggi aus Innsbruck begegnet, die auch gerade die Grenze wechseln wollten. Mit ihnen habe ich mich jetzt erstmal bis Almaty zusammengetan. Die beiden sind wohl auch froh, mich getroffen zu haben, so können eingefahrene Gruppenstrukturen ein wenig aufgeweicht werden… 

Das Motorrad wird vorschriftsmaessig desinfiziert


Bei schönstem Wetter sind wir durch das russische Altai gefahren, hier ein Viertausender, dort ein schneebedeckter Höhenzug, endlich wieder Nadelbäume, die ich nun schon echt lange vermisst hatte… sah wirklich ein wenig aus wie in den Alpen… Ich habe in der Magengegend einen kleinen Knoten, weil ich vergessen hatte, eine Versicherung abzuschliessen. Die beiden anderen hatte ihre schon vorzeitig abgeschlossen, ich hoffe nun, einfach nicht kontrolliert zu werden…



Abends dann ein wenig Friktion bei der Beschaffung einer Unterkunft. Wir hatten die Möglichkeit, in einer Holzhütte mit Sauna zu übernachten, aber Paul wollte keine Sauna, sondern eine Dusche. War uns eigentlich egal, man nimmt, was man kriegt. Na gut, also weitergefahren bis zu einem Campingplatz, ebenfalls mit Holzhütten, ohne Dusche, aber mit Bach vor dem Platz. Muss reichen. War letzlich die bessere, weil kostengünstigere Entscheidung. Abends habe ich mal wieder Gitarre gespielt und die Jungs haben ein erstaunlich gutes Tütenrisotto vom Expeditionsausrüster gezaubert. Selbst ein paar Biere haben wir noch aufgetrieben und in der geräumigen Holzhütte dem Gewitter, der Gitarre und unseren Zoten von früher gelauscht…

...und endlich wieder Asphalt

Montag, 8. August 2011

Uwe ist weg

Mi, 25.07.


Nach einer in jeder Hinsicht freudlosen Nacht ( unsere Nachbarn haben gefeiert bis in die Puppen; Uwe hatte Schmerzen) haben wir uns erstmal zu einer Tasse Kaffee im  Restaurant niedergelassen. Ein zufällig erscheinender Gast war der englischen Sprache mächtig und auch noch Arzt. Er wusste auch, dass neben dem Hotel eine Fluggesellschaft ihr Verkaufsbüro hat und dass täglich mehrere Flüge nach Ulaanbaatar gehen. Nach dem Ticketkauf hatten wir noch genau eine Stunde, um die BMW loszuwerden und Uwes Sachen zu packen. Das Motorrad ist nun im Hotel untergestellt und Uwe ist auf dem Weg nach Ulaanbaatar.

Hier bin ich gleich einem LKW gefolgt

Allein ist die Piste noch furchteinfloessender

Ich bin dann gleich nach Ölgii aufgebrochen, weil mich auch nichts mehr in der Mongolei gehalten hat. Mein Ziel ist es nun, so schnell wie möglich nach Almaty zu kommen, um Heli zu treffen. Die Strecke war ganz gut, bei gemässigtem Tempo bin ich gegen 18:oo h in der Stadt eingeritten. Dank Uwes Datentransfers habe ich auch gleich das Hotel gefunden. Garage war auch vorhanden, das 3-Bettzimmer hatte ich ganz für mich allein. Abends bin ich mit Boyusha zum Essen gegangen, ein sehr netter Mongole, bescheiden und nicht so plump, wie die ganzen Motorrad-Angrabbler oder angeblichen Freunde, die auf eine schnelle Einladung zum Bier aus sind… Er ist Umwelt-Ingenieur und arbeitet für ein paar Tage in Ölgii.

Mein neuer mongolischer Freund Boyusha

Das Bier war eiskalt. Gute Nacht.

Aus fuer Uwe

Di, 26.07.


Tja, nun ist es passiert. 


Da wollte ich gerade noch über die Unbillen der Strasse schreiben, über das knüppelharte Wellblech, das wirklich alle Motorradkomponenten auf den Prüfstand stellt ( keine Angst BMW, Ihr kommt super gut weg!), und noch über die Anstrengungen schreiben, die beim Motorradfahren sich alles auf die Strecke konzentrieren lässt, da bleibt kaum Raum zum Umhermäandern mit den Augen, weil die Piste so fordernd ist und jeden Fahrfehler gnadenlos bestraft, und da ist es auch schon geschehen.


Uwe ist schwer in einem Fesch-Fesch Abschnitt gestürzt und hat sich das Schlüsselbein und drei Rippen gebrochen und sich Prellungen im Rücken zugezogen.  Seine Maschine ist soweit okay, die Spiegel sind abgebrochen, das Navi ist hinüber und in einem Alukoffer ist eine Delle. Uwe war sichtlich geschockt (und ich übrigens auch…). Er hat mich etwa 15 Mal gefragt, wo wir denn jetzt sind und erst dann begriffen, dass wir in der Mongolei sind…


War war nun zu tun? Uwe musste auf meinem Captain’s Chair Platz nehmen und sich sammeln. In etwa 100 Metern von unserer Unfallstelle befand sich ein havarierter Minibus. Kumpels des Fahrers hatten gerade eine neue Antriebswelle vorbeigebracht. Für lächerliche 6 Euro haben die Uwe und seine Maschine ins 10 km entfernte Kaff gebracht. Und ich mit meiner BMW immer hinterher. 6 Mal musste ich reissende Flüsse queren, einmal war die Strömung allerdings zu stark, sodass ich einen zufällig bereitstehenden Führer eines  Schaufelladers kurzfristig überreden konnte, mich auf die Schaufel zu nehmen und auf die andere Seite des Flusses zu bringen. Der Fahrer war so verblüfft über mein Ansinnen, dass er das glatt gemacht hat und Geld wechselte auch keins den Besitzer… die anderen 5 Male bin ich aber bis zu den Hüften pitschnass geworden, worüber es aber leider keine Beweisfotos gibt. Die BMW hat sich bis zu einer Watttiefe von 60 cm super gehalten…  Dass die Transporteure im Minibus meine Wasserdurchfahrten mit erhobenem Daumen gelobt haben, hat mir Uwe später erzählt.


In diesem Kaff angekommen, musste nun der Weitertransport in die Grossstadt Khovd organisiert werden. Ich habe kurzerhand einen Minibus angemietet, der Uwe und seine BMW transportiert hat. Das hat dann allerdings schon 300 U$ gekostet, wohl wissend, dass wir in einer miesen Verhandlungsposition waren…
Jetzt sind wir in einem Hotel in der Stadt vis-à-vis vom Krankenhaus. Weisse Westler werden grundsätzlich sofort bedient und flugs hatte Uwe ein schönes Röntgenbild von seinem gebrochenem Schlüsselbein. Die Arztkosten beliefen sich auf 50 U$ ohne Quittung natürlich…


Um ein Haar wäre ich noch ins mongolische Fernsehen gekommen. An der Stadteinfahrt wurde ein neuer Torbogen eingeweiht mit TV, Flugblättern und süssen Käsehäppchen. Hätte ich nicht dem Van folgen müssen, hätte ich das erbetene Interview wohl gegeben…

Gerade verhandelt Uwe mit dem ADAC über seinen Rücktransport nach Deutschland. Nicht so einfach…


Und ich? Ich werde jetzt allein versuchen, die verbleibenden 350 km Wellblechpiste bis zur russischen Grenze zu bewältigen und meinen Termin mit Heli einzuhalten. Dann müssen wir allein durch die Stanländer, den Pamir, die usbekische Wüste und die Seidenstrasse…  Schade für Uwe.